Interview mit Rudolf Wingenfeld - Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchor Lohmar e.V.

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Interview mit Rudolf Wingenfeld

Vereinsgeschichte

Nicki: Ich freue mich, dass Sie hier sind und mit mir mal so einen kleinen Sprung in die Vergangenheit machen. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit dafür genommen haben.
Herr W.: Ich freu mich auch
Nicki:  Wie war das damals eigentlich, als der Chor gegründet wurde?
Herr W.:  Ich habe während meiner Lehrerzeit schon Schulchöre gehabt, in Köln leitete ich einen Schulchor und in der Grundschule in Lohmar sollte ich auch einen Schulchor übernehmen. Ich habe da aber erst mit den Kindern aus der 3. Klasse angefangen, da die Kinder dann schon relativ tonsicher sind. Nach der 4. Klasse mussten die Kinder dann aber den Chor verlassen, ich bekam zwar immer wieder neue Kinder aus dem neuen 3. Schuljahr, aber die Kinder waren maximal zwei Jahre im Chor und dann war Schluss.
Nicki:  Da war konstantes Arbeiten mit dem Chor sicher schwierig?
Herr W.:  Ja, die guten, herangereiften Talente musste ich immer wieder abgeben und irgendwann habe ich mir überlegt einen Kinderchor zu eröffnen. Ich leitete vorher schon über fünf Jahre lang den Männerchor Wahlscheid, doch den habe ich an meinen Nachfolger abgegeben und somit habe ich mir überlegt, mich um einen Kinderchor zu kümmern. Ursprünglich wollte ich einen Knabenchor initiieren, bedingt durch die vier Söhne, die wir hatten und die im singfähigen Alter waren, aber ich habe weder auf der Abtei in Siegburg, noch im Siegburger Konservatorium Leute gefunden, die mich in der Idee eines reinen Jungenchores unterstützen wollten oder konnten. Somit blieb mir die Entscheidung, das in Lohmar weiter zu führen, was ich in der Schule begonnen hatte, die Proben auf den Nachmittag zu verlegen und ich habe dann erst mal die ehemaligen Grundschüler, die bedingt durch Schulwechsel schon aus dem Schulchor ausgetreten waren, motiviert mitzumachen, natürlich zusätzlich zu den Kindern aus der 3. und 4. Klasse der Grundschule. Ich habe somit den Schulchor umgewandelt in einen Kinderchor.
Nicki:  Daran kann ich mich auch noch gut erinnern, dass ich irgendwann nicht mehr im Schulchor war, sondern nachmittags zu den Proben gekommen bin.
Herr W.:  Genau, Du gehörtest zu den 16 Gründungsmitgliedern, die wir hatten, zusammen mit unseren vier Söhnen und weiteren Bekannten. Im Laufe des Jahres kamen dann auch noch einige Kinder dazu. Meine Frau hat mich damals schon und über die ganzen 25 Jahre hinweg sehr unterstützt und organisatorische Dinge von mir ferngehalten, sodass ich mich auf das Musikalische und Pädagogische konzentrieren konnte. Ich wollte von Anfang an auch immer mit den Kindern wegfahren, weil das die Gemeinschaft stärkt und auch dem Chorgesang gut tut. Der Chor wurde 1985 gegründet und im März 1986 haben wir unsere erste Fahrt gemacht, wir waren damals ein Wochenende in Burbach, im Westerwald.
Nicki:  Was hat Sie die ganzen Jahre lang motiviert so viel Zeit in den Chor zu investieren?
Herr W.:  Es waren wunderschöne Erlebnisse mit den Kindern. Wir haben gesungen, gemeinsam Musik gemacht, die die Leute auch hören wollten, und somit haben wir auch Auftritte bekommen. Im Juli 1986 haben wir den Verein gegründet, da gab es dann Zuschüsse von der Stadt und vom Sängerbund, vorher haben wir davon gelebt, dass die Eltern wohlwollend waren und alles für ihre Kinder und den Chor getan haben.
Nicki:  Man konnte durch die Vereinsgründung dann sicher sehr viel mehr unternehmen.
Herr W.:  Ja und Deine Pflegemutter, Ute Gebel, war ja die erste Vorsitzende und sie hat damals unheimlich viel Werbung für uns gemacht und sich eingesetzt.
Nicki: Sie war mit Herz und Seele dabei.
Herr W.:  Sie hat das damals hinbekommen, dass der Chor bekannt wurde und wir mehr Auftritte bekommen haben. Bei Hochzeiten, Goldhochzeiten etc. Aber um deine eigentliche Frage zu beantworten: Es hat immer Spaß gemacht, es war immer eine Regelmäßigkeit da und es waren immer Kinder da, die talentiert waren, die auch Solorollen übernommen haben. Die Kinder haben die Chorgemeinschaft gelebt und das wurde mir sogar später immer wieder gesagt, als die Kinder schon erwachsen waren, dass diese Gemeinschaft toll war, dieser gemeinsame Gedanke, das gemeinsame Spiel, das war ein großer Inhalt dieses Chores.
Nicki:  Das hat uns damals schon alle zusammen geschweißt.
Herr W.:  Es war eine tolle Chorgemeinschaft und drei Jahre später fing das erst an, dass der ein oder andere aufhören wollte. Die Pubertät spielte eine Rolle, andere Interessen, aber es gab auch immer wieder neue Kinder und somit auch neue Eltern, die ihre Kinder und damit den Chor unterstützen.
Nicki:  Wie kam denn der Kontakt zu Rolf Zuckowski zustande?
Herr W.:  Durch eine Lehrerin aus der Realschule haben wir die Musik kennen gelernt, das war noch zur Zeit des Schulchores. Es gab eine Adresse, an die man sich wenden konnte, zwecks Kontaktaufnahme. 1989 habe ich dann den Chor auf Kassette aufgenommen und diese nach Hamburg geschickt, zusammen mit einem Brief, in dem ich geschrieben habe, dass es eine tolle Sache wäre, sich mal zu treffen, und dass Hamburg für uns nicht zu weit wäre. Es dauerte dann eine ganze Zeit, bis das Antwortschreiben, das ich heute noch habe, kam. Er schrieb: „Wenn ihr sagt, ihr kommt rauf, dann seid ihr die Richtigen für mich.", und hat uns zum Laternenfest am 10. November 1989 nach Neumünster eingeladen. Wir hatten damals einen tollen Auftritt mit ihm und wir waren von Rolf angetan und er von uns. Er wollte dann auch mal nach Lohmar kommen, aber danach sollte zunächst von ihm aus Schluss sein. Aus Prinzip beabsichtigte er es, nie länger Kontakt mit einem bestimmten Chor zu haben, wollte mal mit dem einen, mal mit dem anderen Chor arbeiten, was ich natürlich schade fand. Aber dann ist Rolf doch immer wieder auf uns zugekommen und hat nachgefragt, ob wir Lust haben, ein weiteres Konzert, einen Radiobeitrag oder sogar einen Fernsehauftritt mit ihm zu gestalten, und somit ist der Kontakt über all die Jahre bis heute erhalten geblieben.
Nicki:  Was ist die wichtigste oder schönste Erinnerung mit dem Chor, die Sie haben?
Herr W.:  Diese Frage kann ich kaum beantworten, es sind so viele schöne Erinnerungen. Ich war ja erst fokussiert auf die Kinder, später 1991 kam dann der Jugendchor dazu, als die ehemaligen Kinderchorsänger aus dem Kindesalter heraus waren und einen neuen Chor suchten. Auch das war wieder eine ganz intensive Zeit.
Nicki:  Gab es denn irgendwas, was Sie gerne noch mit dem Chor gemacht hätten, was Sie aber nicht mehr geschafft haben?
Herr W.:  Das ist schwer zu sagen.
Nicki:  Sie haben ja eine ganze Menge geschafft und auch Musicals aufgeführt.
Herr W.:  Die Musicals waren ja auch immer Highlights. Zum Beispiel der „Sängerkrieg der Heidehasen", das waren alles schöne Aufführungen. Ich hatte mir damals vorgenommen zum Abschluss etwas Besonderes zu machen und für mich war die tollste Leistung das Musical „Der kleine Tag", das an meinem Abschlusskonzert 2010 aufgeführt worden ist. Das war absolut spitze, weil zum Teil 100 Leute beschäftigt waren, auf der Bühne, als Chor oder Solist, die grandiose Bühnenausstattung, alles war toll und einfach das Größte für mich.
Nicki:  Wie war das denn, sich zu entscheiden die Leitung abzugeben und einen neuen Chorleiter zu suchen oder suchen zu lassen? Wie war das für Sie? Nach so vielen Jahren das alles aufzugeben?
Herr W.: Ich musste von dieser Generation Abschied nehmen. Ich wollte aber nicht zum 20-jährigen Jubiläum aufhören, dann hätte ich zeitgleich mit meinem Beruf aufgehört. Ich bin 2007 in den Vorruhestand gegangen und für mich war klar, dass ich die 25 Jahre beim Chor voll machen wollte. Für einen Kinderchor sind so viele Jahre ja schon Wahnsinn. Nicht für Erwachsenen-Chöre, die können 100 Jahre alt werden, aber bei den Kindern ist es definitiv so, dass es schwierig ist, Nachwuchs zu bekommen. Bei mir ließ das ja auch nach, aber es wussten ja auch alle, dass ich aufhöre.
Nicki:  Da hatten also alle Zeit, sich ein bisschen darauf vorzubereiten, so ein bisschen Abschied zu nehmen, von der gemeinsamen Zeit?
Herr W.:  Die damalige Vorsitzende, Frau Kallweit, hatte schon drei Jahre vor meinem Schluss angefangen einen neuen Chorleiter zu suchen. Sie wollte nicht, dass die ganze Sache stirbt, wenn ich weg bin.
Nicki:  Das wäre richtig schade gewesen.
Herr W.:  Das wäre für mich auch traurig gewesen. Wenn man so ein Kind in die Welt setzt, dann möchte man auch, dass es erwachsen wird.
Nicki:  Wie war das denn als man sich für Barbara entschieden hat? Sie ist Ihre Tochter und Sie haben damit quasi etwas innerhalb Ihrer Familie gehalten, was aber auch für die Außenwelt erhalten bleibt.
Herr W.:  Wir haben damals eine Ausschreibung gemacht, wer den Chor übernehmen möchte. Es war also keine automatische Fortsetzung, das wollten wir alle nicht, auch Barbara wäre das nicht Recht gewesen. Wir wollten eine faire Ausschreibung. Letztendlich kristallisierten sich zwei Kandidaten für den Posten heraus und da war Barbara dabei. Beide Kandidatinnen hatten eine Probestunde mit dem Kinderchor und auch mit dem Jugendchor, danach wurde in einer Vorstandssitzung beraten und nach meinen dirigier- und leitertechnischen Sachkenntnissen waren beide gleich stark. Dann kam aber, vor allem von den Kindern aus dem Kinderchor, die Zustimmung für Barbara und auch die Jugendlichen wollten lieber sie als die andere Dame. Es wurde im Vorstand abgestimmt und sie haben sich ziemlich eindeutig für Barbara entschieden.
Nicki:  Das war sicher ein tolles Gefühl für Sie, die Chöre an Ihre Tochter weiterzugeben?
Herr W.:  Ich traue Barbara eine ganze Menge zu, das habe ich schon vorher getan. Ich weiß, dass sie hochmusikalisch ist, sie hat die Chorleiterausbildung, eine Gesangsausbildung und auch eine entsprechende pädagogische Ausbildung gemacht. Sie hatte aber zwei Jahre vorher noch gesagt, dass sie wohl eher nicht nach Lohmar kommen würde, ein Umzug von Köln nach Lohmar ist für sie heute noch kein Thema. Somit hatten wir nicht damit gerechnet, dass sie sich auf die Ausschreibung hin bewirbt. Erst kurz entschlossen hat sie sich dann doch beworben. Man kann also auf keinen Fall sagen, dass Barbara Chorleiterin geworden ist, weil ich Chorleiter war, das war so nicht der Fall und das ist auch eindeutig durch die Ausschreibung und letztendlich durch die Vorstandsabstimmung herausgekommen.
Nicki:  Wie war denn die Übergabe damals. Sie fangen etwas Neues an, geben etwas Altes ab, Sie nehmen Abschied und übergeben alles an Ihre Tochter. Wie war das vom Gefühl her für Sie?
Herr W.:  Emotional natürlich. Da waren ja Leute, die man kennen und schätzen gelernt hat, die Sängerinnen und Sänger. Da war schon ein ganz schönes Loch, jeden Mittwoch hab ich auf die Uhr geguckt, wenn Probenzeit war. Meine Frau hat mich irgendwann darauf aufmerksam gemacht, dass ich gar kein Klavier mehr gespielt habe. Ich habe es ein halbes Jahr nicht genutzt. Das alles geht nicht spurlos an einem vorbei.
Nicki:  Dafür waren es zu viele Jahre.
Herr W.:  Aber von der Vernunft her war es die richtige Entscheidung.
Nicki:   Wie sehen Sie die Entwicklung, die der Chor, mittlerweile sind es ja bereits drei Chöre, in der Zeit gemacht hat?
Herr W.:  Sehr positiv. Ich finde es sehr positiv, dass Barbara nicht einfach da weitergemacht hat, wo ihr Vater aufgehört hat, sondern ihren eigenen Stil geht. Sie hat das toll hinbekommen. Sie hat den Kinderchor umgekrempelt und auch wieder Zuwachs bekommen. Es war ein Generationenwechsel und sie kann das übertragen auf die Jugendlichen und auch die Echo-Sänger sind zurückgekommen, weil sie sehen, dass da was ist.
Ich bin ja mit meiner Frau bei allen öffentlichen Auftritten dabei. Ich finde die Entwicklung, die die Chöre gemacht haben, die musikalische Qualität, die Leitung und auch die Soloentwicklung sehr positiv. Barbara bringt Leben rein, bringt Bewegung rein. Ich war immer stocksteif und die Kinder waren genauso stocksteif, aber das war ja auch eine andere Zeit.
Nicki:  Was machen Sie denn heute? Was haben Sie noch für musikalische Pläne?
Herr W.:  Ich habe im letzten Sommer wieder einen Männerchor übernommen, nämlich die Männerchorgemeinschaft Bergheim-Müllekoven.  Das ist natürlich wieder eine andere Generation und die Musik gefällt mir, ich muss da nicht lange suchen, der Chor hat einen Schrank voll Noten, aus denen ich aussuchen kann, was ich gerne mit den Männern singen möchte. Und dann habe ich ja auch immer noch das Mandolinenorchester Spich, mit dem es mir großen Spaß bereitet, Musik zu machen.
Nicki:  Was möchten Sie abschließend noch Barbara und den Chören für die Zukunft mit auf den Weg geben?
Herr W.:  Ich würde sagen, die Chöre haben einen tollen Übergang gestaltet, durch Barbara. Sie macht das sehr gut aus meiner Sicht heraus und ich wünschte, dass die Harmonie weiter existiert. Ich wünsche mir auch, dass Barbara selber einen tüchtigen Vorstand im Hintergrund hat, denn die Leute müssen ihr viel Arbeit abnehmen, die sie selber nicht leisten kann. Das wäre ihr zu wünschen, dass der Verein weiter so bestehen würde, dass es also schöne, große und viele Erfolge geben wird.
Nicki:  Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Worte. Danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Für mich war es eine Ehre, dieses Interview mit Ihnen führen zu dürfen.
Herr W.:  Gern geschehen.


Dieses Interview führte Nicki Boniolo, geb. 1973, Pflegetochter von Ute Gebel, am 15.03.2013. Sie ist eines der Gründungsmitglieder des Kinderchores und war darin von 1985 bis 1989 aktiv. Vor zwei Jahren hatte sie gemeinsam mit einer anderen ehemaligen Sängerin die Idee gehabt, aus ehemaligen Kinderchor- und Jugendchorsänger/innen, Eltern und Freunden den Erwachsenenchor ECHO zu gründen, und ist seitdem aktives Echomitglied.


 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü